Wie nimmt ein blinder Mensch die Welt wahr?

Ein Artikel von Luise, Cäcilia, Tim, Savanah und Leopold der Religionsgruppe 7cd

Am 25.06.24 besuchte uns, die Klasse 7cd, Manuel Rodriguez, ein sehbehinderter Mann, der im Alter von 11 Jahren die Krankheit Retinitis pigmentosa erlitt und dadurch als Jugendlicher sein Augenlicht verlor.

In der Religionsstunde zuvor hatten wir wichtige Dinge über Blindsein und Augenerkrankungen gelernt, anhand von Videos ein Gespür für die Situation im Alltag entwickelt und anschließend Fragen für Herrn Rodriguez vorbereitet.

Am Tag des Besuchs holten zwei Mitschüler Herrn Rodriguez am Bahnhof vom Zug ab, um ihn gefahrenfrei ins Klassenzimmer zu begleiten. Nach der Begrüßung hat er sich alles auf dem Tisch zurechtgelegt. Uns hat überrascht, dass er sich merken konnte, wo alles stand.

Zu Beginn erzählte er uns vom Verlauf seiner Sehbehinderung, wie sie ihn allmählich einschränkte und wie er heute damit zurechtkommt. Wir durften viele Fragen stellen, die Herr Rodriguez sehr offen beantwortete. Dabei erfuhren wir auch, dass er einmal in einen S-Bahn-Gleis gestürzt war und sich dabei mehrere Rippen brach.

Fünf Jahre nach der Erblindung erlernte Herr Rodriguez die Braille-Schrift, die sogenannte Blindenschrift. Nach dem Wechsel in ein sehr großes Berufsbildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte durfte er die Kurzschrift und das flüssige Lesen der Blindenschrift eineinhalb Jahre mit einer fast erblindeten Lehrerin aufbauen und weiterentwickeln. Anschließend absolvierte er in der gleichen Bildungseinrichtung seine mittlere Reife und seine Berufsausbildung. Danach wechselte er nach Augsburg an seinen jetzigen Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst. Er hatte uns einen Blindenkalender und ein Reisemagazin mitgebracht, aus dem er uns vorlas. Anschließend durften wir selbst einen Text in Blindenschrift „übersetzen“, was viele von uns sehr spannend und unterhaltsam fanden und so das Gedicht von Joachim Ringelnatz fast vollständig entziffern konnten. Auch die Brillen, mit denen man sich vorstellen konnte, was ein 10-%tiges Sehvermögen bedeutet, waren cool. Uns ist bewusst geworden, dass es nicht nur Sehen oder Nicht-Sehen gibt, sondern viele Abstufungen dazwischen. Es ist erstaunlich, wie gut sich Herr Rodriguez trotz seiner Beeinträchtigung im Alltag zurechtfindet und sogar ein begeisterter Fußballfan ist, der die EM-Spiele über den Audiokommentar gerne mitverfolgt.

Generell kann man sagen, dass der Besuch sehr interessant, informativ, spannend und aufschlussreich war. Dass Herr Rodriguez uns am Ende unsere Namen in Blindenschrift ausdruckte, war ein schönes Abschiedsgeschenk.