Die Klasse 7e kam am Anfang des Schuljahres zu mir, um zu fragen, ob wir im Unterricht „Das Tagebuch der Anne Frank“ lesen könnten. Ich war zunächst sehr überrascht, da ich nicht damit gerechnet hatte, dass sich die Schüler überhaupt für dieses Thema interessieren. Der Nationalsozialismus wird in Geschichte erst in der 9. Klasse behandelt, und inhaltlich ist das Buch für eine 7. Klasse zum Teil doch sehr anspruchsvoll. Nichtsdestotrotz hat mich die Begeisterung der Schüler für dieses Thema beeindruckt und ich wollte sie nicht ausbremsen. Ich suchte also nach einer Möglichkeit, den schweren Stoff, der der Lektüre zugrunde liegt, altersentsprechend umzusetzen und kam so auf das Projekt „Leserolle“. Die Schüler erhielten nach einer kurzen Einführung in den Nationalsozialismus verschiedene Arbeitsaufträge, die sie in Freiarbeit bearbeiten durften. Die Ergebnisse wurden schriftlich im Din-A4 Format festgehalten. Am Ende sollten die Schüler die losen Blätter, die sie zum Teil sehr liebevoll und aufwändig gestaltet hatten, in eine für sie sinnvolle Reihenfolge bringen und diese dann aneinander kleben – so entstanden letztendlich 21 Papierschlangen mit einer Einzellänge von bis zu acht Metern. Diese Schlangen wurden dann aufgerollt und sollten individuell verpackt werden, wobei ein klarer Bezug zum Thema das einzige Kriterium im Hinblick auf die Gestaltung war.
Die Schüler zeigten sich unglaublich kreativ – es wurden Kisten aus Omas Keller herausgekramt oder Blätter mit Kaffee eingefärbt, um ihnen eine altmodische Optik zu verleihen, jemand baute das Hinterhaus, in dem Anne und ihre Familie sich über Jahre versteckt hielten, nach, inklusive des wegklappbaren Wandregals, und „versteckte“ die Leserolle im Inneren. Alte Briefe wurden aufgeklebt, Fotos der Großeltern umgestaltet, Texte ausgewertet, ein Schüler recherchierte selbstständig nach Bildern der Versteckten und gestaltete die Fassade des Hauses in der Prinsengracht neu, indem die Fotos in den Fenstern des Gebäudes ausgestellt wurden.
Alle von den Schülern gestalteten Leserollen waren einzigartig und auf ihre ganz individuelle Art und Weise wunderbar.
Ich war wirklich berührt über die schönen Ergebnisse, die wir dann im Rahmen einer kleinen Ausstellung im Schulhaus präsentieren konnten. Die Schüler haben sich ganz auf die Lektüre eingelassen und es tatsächlich geschafft, sich mit Anne Frank und dem kurzen Leben, das sie hatte, auseinanderzusetzen. Es wurden vor allem erstaunlich gute, inhaltliche Ergebnisse erzielt, was für eine 7. Klasse keine Selbstverständlichkeit ist. Wer Lust und Zeit hat: Die Leserollen kann man derzeit noch im Schulhaus bewundern!
Ina Mybs